Situation 55: Ben de Biel BERLIN TAXI

by MaxDax

  

Max Dax: Du bist ein beharrlicher Mensch. Du fotografierst entweder jahrelang Taxifahrten — oder über Jahre hinweg kontinuierlich das Berlin der Neunzigerjahre. In dem Erfolgsbuch Berlin Wonderland, erschienen bei bobsairport, sind eine ganze Reihe von Fotografien von dir erschienen und können als Beitrag zu einer kollektiven Erinnerung an diese Jahre verstanden werden.

Ben de Biel: Wiederholungen sind interessant. Durch die wiederkehrenden Szenenbilder oder überhaupt die intensive Beschäftigung mit einem Thema entstehen im Rückblick ganze Kapitel in einem Gesamtwerk. Oft ergibt sich ein neues Kapitel zufällig, aus einer Situation heraus. So sind ja auch die Dokumentationen der Gesprächssituationen in der Santa Lucia Galerie der Gespräche entstanden. Mich reizte es, interessante Menschen beim Abendessen zu fotografieren — an und für sich ein No-Go. Tatsächlich habe ich dann vor allem fotografiert, wenn das Dinner bereits beendet war und die Gäste noch weiter tranken und rauchten. Dieser Raum, also die Galerie der Gespräche hat dann eine ganz eigene Atmosphäre — da herrscht eine ganz andere Energie als im Club oder im Restaurant. Also kam ich immer wieder in die Galerie, und ehe ich mich versah, war ich längst mitten drin in einem neuen Kapitel — und musste allein deshalb weiter fotografieren. So kommt eine Kontinuität in die Arbeit, ohne dass ich mich zuvor mit einem Konzept an die Sache gemacht hätte. Und wenn ich mir die Fotos anschließend mit etwas zeitlichem Abstand erneut anschaue, dann entstehen ganz von selbst Ideen zu Büchern oder Ausstellungen, je nach dem, in welchen Kontext ich solche Serien dann stelle.

Max Dax: Du giltst als Chronist der Neunzigerjahre Jahre in Berlin. Wundert es dich eigentlich, dass im Rückblick nur sehr wenige Fotografen so nah am Geschehen gewesen sind wie du?

Ben de Biel: Mein Alleinstellungsmerkmal basiert vielleicht darauf, dass ich nicht als Gast in Berlin war, der als Fotojournalist vielleicht für eine Woche nach Berlin geschickt wurde, um den Mauerfall zu fotografieren, sondern ich war selbst ein Protagonist oder Teil einer Szene. Ich habe vor Ort gelebt und meine Szene fotografiert und aus dieser Szene heraus das Geschehen um mich herum dokumentiert. Ich lebte damals in der Kleinen Hamburger Straße und habe oft ganze Tage und Nächte im nahegelegenen Tacheles verbracht. Dort habe ich ganz oft mitbekommen, dass Fotojournalisten auf einen Schnappschuss oder ein schnelles Motiv vorbei kamen — um ein Bild vom Tacheles gemacht zu haben. Nur einige sehr wenige von ihnen hatten auch die Chuzpe und sind bis in die beiden Wohnhäuser nebenan vorgedrungen, um mal zu gucken, wie es bei Hausbesetzers so aussieht. Da sie aber nicht ein Teil von uns waren, haben sie natürlich auch keinen oder nur einen oberflächlichen Zugang in diese Häuser bekommen. Die Medien verlangten zwar nach spektakulären Bildern, aber an einem genauen Blick war dann doch niemand interessiert. Es wundert mich daher nicht, dass es neben mir nur wenige andere gegeben hat, die den Alltag in der Hausbesetzerszene fotografierten — und diese Szene lebte nun einmal im Brennpunkt dessen, was das Berlin der Neunzigerjahre so interessant machte.

Max Dax: Es gibt eine schöne Songzeile bei Blumfeld: „Kommst du mit in den Alltag?“ Da wird der Alltag als Versprechen auf ein Abenteuer begriffen, als eigentlich größte Liebeserklärung: Kommst du mit mir in den Alltag?

Ben de Biel: Der Alltag zeigt das, was tatsächlich ist. Erst im Alltag zeigten sich alle Auswirkungen, die zum Beispiel mit der Wiedervereinigung im Osten Berlins einher gingen. Wer in Westberlin lebte, hat ja gar nicht mitbekommen, was es für die Menschen in der ehemaligen DDR bedeutete, von der Treuhand abgewickelt zu werden und mitanschauen zu müssen, wie alle Institutionen, die den Alltag in der DDR geregelt hatten, nach und nach verschwanden. Ein westdeutscher Alltag blieb von den Veränderungen in der anderen Welt gänzlich unberührt. In der Hausbesetzerszene lernte ich viele Söhne und Töchter von DDR-Bürgern kennen, die mit der Wende arbeitslos geworden waren. Wir selbst empfanden die Situation hingegen als Befreiung. Wir konnten mit einem Mal alles machen, was wir wollten, und das bedeutete: wir führten ein geiles Leben. Und diesen rauschhaften Zustand habe ich mit einer ähnlichen Gewissenhaftigkeit fotografiert wie später meine nächtlichen Fahrten im Taxi from disco to disco — oder nach Hause ins Bett.