Situation 47: Jean-Martin Büttner

by MaxDax

  

Mit seinem Buch „Sänger, Songs und triebhafte Rede“ schrieb Jean-Martin Büttner eines der wichtigsten deutschsprachigen Bücher über das Thema Rockmusik. Ausgerechnet an Bob Dylans 77. Geburtstag, dem 24. Mai 2018, spricht Jean-Martin Büttner mit Max Dax darüber, wie man über Musik reden und schreiben kann. Aus gegebenem Anlass wird es im Rahmen von situation 47 nicht zuletzt also um Bob Dylan gehen und wie man über jemanden schreiben und reden kann, über den schon ganze Bücherregale voll geschrieben worden sind.

„Für einen Moment halten Songs die Zeit an, sagt Dylan. Paul Williams spricht von der ‘stopped time’ in Visions of Johanna. An die Stelle der Zeit tritt der Raum, dessen Stille sich mit Sound füllt, so wie der Sänger die Stille im Saal mit Gesang füllt. Hohlräume werden beschrieben und mit Bildern und Tönen vermessen: der Ofen hustet, das Radio dudelt, Lichter flackern, Frauen wispern, der Wachmann knipst, ein Junge murmelt. Wo der Sound nicht hinkommt, ist die Stille endlos: Inside the museums, infinity goes up on trial / Voices echo this is what salvation must be like after a while… beginnt die vierte Strophe, gefolgt von einer Umdeutung, die Marcel Duchamp gefallen hätte: But Mona Lisa had the highway blues / You can tell it by the way she smiles… Der Highway-Blues ist das Passwort der Schlaflosen im amerikanischen Traum. Was die Psychoanalyse nicht als Annäherung ans Chaos, sondern als Flucht vor der Vernunft interpretiert, ist im Grunde ein Rückweisungsantrag an die Realität. (…) Dylan hat dieses Reale schon auf dem Tombstone Blues von 1965 eingefordert: Now I wish I could write you a melody so plain / That could hold your dear lady from going insane / That could ease you and cool you and cease the pain / Of your useless and pointless knowledge… In Visions of Johanna fragt sich der Wachmann, wer hier eigentlich verrückt ist. Im Tombstone Blues gibt Dylan die Antwort: Verrückt wird, wer am sinnlosen Wissen verzweifelt.“ (J.-M. Büttner)