Situation 18: Nora Lawrence

by MaxDax

  

1933 veröffentlichte der japanische Schriftsteller Tanizaki Jun’ichirō ein langes literarisches Essay mit dem Titel „Lob des Schattens“, in welchem er das Wesen des Schattens in der traditionellen japanischen Architektur betrachtet. Er beschreibt darin, wie das Zwielicht das Magische in den Dingen hervorhebt. Wie die weiß gefärbten Masken des Nō-Theaters im Dunkel der Bühne überirdisch, geisterhaft, ätherisch werden. Es gibt eine Tradition japanischer Rollbilder, die im Halbdunkel einer Wandnische betrachtet werden müssen, da sie im Hellen ihr schimmerndes dunkles Strahlen nicht entfalten.  

„Iwans Kindheit“ ist ein Film von Andrej Tarkowskij aus dem Jahr 1962. Spektakulär in seiner stillen Lyrik ist eine längere Kamerafahrt, die nur Baumkronen zeigt. In seinem Buch „Die versiegelte Zeit“ entwirft Tarkowskij eine spirituelle Philosophie, die Begriffe wie Zeit, filmische Poetik und die Aufgabe des Künstlers als Diener einer Gesellschaft entwickelt. In einem Interview aus dem Jahr 1984 („The Twentieth Century and the Artist“) sagt er, dass der lyrische Künstler nicht experimentiert oder sucht, sondern er findet – im unermüdlichen Ringen um die grundlegenden Fragen im Kontext von Mystik und Kunst.

Nora Lawrence, die in der Galerie Santa Lucia im Rahmen ihrer Video-Installation „Distraktion Invers“ Lichtschatten, Zwielicht und vorbeiziehende Bäume im Morgengrauen an die grau gestrichenen Wände wirft, nennt die Filme Andrej Tarkowskijs als den Ausgangspunkt ihres Interesses am Film.

Nora Lawrence: „Die wärmende graue Dunkelheit bringt das Geheimnis viel eher zum Leuchten als das Weiß, welches die Wahrheit verdeckt. Mich interessiert Licht als Präsenz. Mich interessiert, wann das Licht – analog zu Musik – Räume eröffnet, in denen neue Bewusstseinszustände möglich werden.“